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My Internet of Things ;-)

7. Juli 2012

ChocoTab

Montag, 1. April 2029: ich betrete gerade meine Schule. Mein Kommen wird natürlich sofort von Sensoren erfasst und an diverse (Kontroll-) Systeme weitergeleitet.

Der erste Gang führt mich, wie in den letzten 40 Jahren, zum (ehemaligen) Serverraum, der nur noch als Verwaltungszentrale aller elektronisch gestützten Anwendungen verwendet wird. Der Server ist schon seit vielen Jahren in der Cloud „verschwunden“. Aber in diesem Raum befindet sich die Teemaschine, die exakt den Tee gekocht hat, als ich an der letzten Ampel vor der Schule stand. 3 Minuten später, als ich gerade den Raum betrete, wird der Teebeutel von meinem persönlichen Robby  aus der Tasse gezogen und 2 Haferflockenkekse auf den kleinen Teller daneben gelegt – keine Butterkekse, wie die letzten Tage. Das hatte Robby bereits aus meiner heutigen mentalen Verfassung – kurz nach dem Aufstehen  – analysieren können. Er trifft übrigens immer genau meinen wechselnden Geschmack.

Aber nun ruft die Arbeit. Zum Glück krümeln die Kekse nicht mehr in die Tastatur – es gibt nur noch tablet-ähnliche Geräte, die allen (= Schülern, Lehrern und sonstigen Bediensteten der Schule) kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Sie haben ungefähr die Größe einer Tafel Schokolade und werden deshalb liebevoll ChocoTabs genannt. Früher waren sie auch braun wie Schokolade. Aber ich habe mich schon sehr früh für ein blaues ChocoTab entschieden. Ein bisschen Individualität muss schließlich auch noch sein.

Nun fängt meine Arbeit wirklich an. Waren es früher Serverausfälle, Viren, PC.-Abstürze, nicht funktionierendes Internet bzw. funktionslose Drucker, die mich auf Trapp hielten, sind es nun die Energieprobleme, die diese ChocoTabs noch immer haben. Manchmal gibt es auch noch Fälle von Manipulation. Da dies strengstens bestraft wird, haben wir jährlich maximal zwei Fälle.

Auf der Fahrt zur Schule ist in den unteren Bereich der Winschutzscheibe von meinem ChocoTab  bereits eingeblendet worden, dass es heute wieder 23 CocoTabs sein werden, die gleich zu Beginn des Tages eine neue Energy bekommen müssen. Alles kein Problem mehr! Die Besitzer sind schon längst informiert. Sie werden ihre ChocoTabs gleich beim Betreten der Schule abgeben. Dafür stehen zwei Energy-Robbys zur Verfügung, die die ChocoTabs, sofort reparieren und auf die Arbeitsplätze der Besitzer legen werden, noch bevor diese dort angekommen sind. Durch die Synchronisation der Chips von ChocoTab  und Besitzer ist es problemlos möglich, eine Verknüpfung mit Personenortung und dem Stundenplan herzustellen. Nur ganz selten erreicht mich noch ein Hilferuf eines Energy-Robbis, der den Besitzer  bzw. dessen aktuellen Arbeisplatz nicht finden kann. Dieser Fall tritt immer nur dann ein, wenn sich der Besitzer in einem der ganz wenigen winzigen Funklocher über längere Zeit aufhält. Aber eigentlich ist dies strengstens verborten. Manchmal treffe ich aber auch nochauf herumirrende Schüler und Kollegen, deren ChocoTab kurzfristig ausgefallen ist und die ohne ihr ChocoTab einfach nicht mehr wissen, was sie tun sollen. Auch das ist kein Problem. Binnen Sekunden kann ein Ersatz beschafft und mit den notwendigen Daten versehen werden und jeder weiß wieder, was er tun soll.

Es geht weiter mit ein paar Routinearbeiten. Generell müssen die Aktivitäten der Robbis überprüft werden, eingebaute Teile, die direkt vom Hersteller kamen, online gegengezeichnet werde. Dies ist seit einigen Jahren notwendig geworden, nachdem gewiefte Hacker Zahlungen für die eingebauten Teile manipuliert hatten.

Kurz noch eine Lern-App optimiert, zu der es in den letzten Tagen Problemmeldungen gab. Normaler Weise könnten dies inzwischen die Lerner auch selbst machen, aber die Technologie ist schon lange veraltet und es mag sich niemand mehr so richtig damit befassen. Aber schließlich kann ich das noch.

Schnell noch einen Tee getrunken – dieses Mal  Pfefferminztee – natürlich auch von Robbi zubereitet, und dann ab in den Unterricht.

Naja, der Weg in die Unterrichtsräume ist etwas beschwerlich geworden. Das liegt nicht an der schweren Schultasche wie früher  – nein, so etwas brauche ich ja nicht mehr. Schließlich habe ich meinen ChocoTab, mit dem ich alles machen kann. Aber ich stehe immerhin kurz vor meinem 75. Geburtstag und arbeite noch in der Schule. Leider nicht ganz freiwillig. Als die Umstellung auf die persönliche Chipimplantate kam, gab es vorher anonyme (haha!) Umfragen, in denen die persönliche Einstellung zu Datenschutzfragen ermittelt wurde. Wer zu große Einwände und Bedenken gegen die kommende allgegenwärtige Überwachung hatte, bekam einen speziellen Chip auf Grundlage des sogenannten Krömker-Tests. Mit 0 bis 2 Punkten bekam man das Zertifikat „unbedenklich“, aber mit meinen 9,5 Punkten war ich fast an der Obergrenze von 10 und somit „höchst bedenklich“.

Natürlich wurde ich sofort als Problemfall erkannt mit folgenschweren Konsequenzen: Meine Lebensarbeitszeit wurde auf dem Chip auf „unbegrenzt“ gesetzt. Die tägliche Arbeitszeit auf 10 Std. festgelegt. Wenn dies im Schnitt von 3 Tagen nicht erreicht wird, öffnen sich für mich die Ausgangsschleusen der Schule nicht mehr. Zudem werden mir sämtliche sozialen Kontakte gestrichen. Wenn ich dann immer noch zu wenig arbeite, wird 2 Tage später mein komplettes Finanzsystem lahmgelegt, so dass ich noch nicht einmal mehr etwas kaufen kann. Bei solchen Konsequenzen arbeitet man dann doch ganz gerne wieder.

Positiv ist, dass mein Healthcare-Status als Premium eingestuft wurde – die höchste Klasse. Man tut wirklich alles für mich, damit meine Arbeitskraft erhalten bleibt. Meine Vitalwerte werden ständig kontrolliert und in die Krankenhauscloud eingespeist. Sollte ich ernstlich krank werden, weiß dies das Krankenhaus schon Tage vorher und hat mir ein Einzelzimmer vorbereitet und den Krankenwagen reserviert. Sollte sich der Transport ins Krankenhaus trotzdem verzögern, bringt mich Robbi bestimmt sofort dort hin. Ich vertraue auf die Technik!

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From → Lernen

4 Kommentare
  1. LOL – Der Artikel ist spitze – Georg Orwell – lässt grüßen ;-). Das Problem ist nur, das geschilderte Szenario ist gar nicht so unrealistisch und ich würde höchst wahrscheinlich auch zu ‚höchst bedenklichen‘ gehören und mein Robbi würde mir täglich meinen Kaffee streichen damit ich mich nicht noch mehr aufrege. Keine besonders tolle Aussichten 😦 aber die Geschichte ist trotzdem klasse 🙂

    • Das Szenario ist sicherlich nicht so sehr von dem entfernt, was uns in der Zukunft erwarten könnte und das war von mir natürlich auch so gewollt ;-). Technisch dürfte vermutlich das meiste auch heute schon realisierbar sein.
      Aus meiner Sicht wäre es ganz entscheidend, sich heute schon über solche zukünftig möglichen Szenarien Gedanken zu machen. Seit den 70-er Jahren des letzten Jahrhunderts 😉 lese ich alle paar Jahre immer mal wieder George Orwell’s 1984. Es ist spannend und erschreckend zu sehen, was davon im Zeitablauf Alltag geworden ist. Leider habe ich mir über die Jahre hinweg keine Aufzeichnungen darüber gemacht :-(.
      Für mich bleibt eine Frage offen: Wer hilft uns allen, den richtigen Weg zwischen persönlicher Bequemlichkeit und dem hohen Gut der persönlichen Freiheit zu finden?!

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